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Mareike Beez: Der zwölferschiitische Martyriumsdiskurs im Iran des 19. und 20. Jahrhunderts

Mareike Beez: "Der zwölferschiitische Martyriumsdiskurs im Iran des 19. und 20. Jahrhunderts"

Mareike Beez: "Der zwölferschiitische Martyriumsdiskurs im Iran des 19. und 20. Jahrhunderts"

Die vorliegende Dissertation untersucht den zwölferschiitischen Martyriumsdiskurs im Iran des 19. und 20. Jahrhunderts auf ideengeschichtlicher Basis mittels umfangreicher Textanalyse persischsprachiger Quellen.
Die Arbeit folgt den Hypothesen, dass es in der Zwölferschia einen Martyriumsdiskurs gibt, der einerseits vom gewaltsamen Tod Imam Ḥusains und der Imamatslehre geprägt wird und andererseits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beeinflusst vom Tiersmondismus einen ideologischen Wandel durchlaufen hat und das Martyrium als Mittel der Revolution instrumentalisiert wurde.
Die Quellengrundlage bilden Maqtalwerke aus der Qajarenzeit, jene Literatur, die sich zur Bewahrung der Erinnerung mit dem Martyrium Imam Ḥusains in der Schlacht von Karbalāʾ 680 n. Chr. befasst, sowie daran anknüpfende verschriftlichte Vorträge iranischer religiös-reformorientierter und säkular-nationalistischer Intellektueller. Diese zeichneten auf Muḥarram-Zusammenkünften im Streben nach gesellschaftlichem und politischem Wandel in den 1960er und 1970er Jahren ein zur Nachahmung einladendes heroisches Bild von Imam Ḥusain und machten auf diese Weise die Karbalāʾ-Narrative politisch nutzbar.
Anhand der vier Hauptthemen, die beide Quellengattungen in unterschiedlicher Gewichtung teilen, werden nicht nur die charakteristischen Wesenszüge und Argumentationsstrukturen der jeweiligen Martyriumsvorstellungen periodenübergreifend aufgezeigt, sondern ebenso deren ideologischer Wandel, der sich angesichts der politischen Konfrontation zwischen dem Schah-Regime und der Opposition in den 1960er und 1970er Jahren vollzog. Von zentraler Bedeutung ist das Ḥusain-Bild, das von der Debatte geprägt wird, in welchem Umfang der Prophetenenkel über außergewöhnliches Wissen als Imam verfügt hat, d.h. inwieweit er über den Ort und Zeitpunkt seines Martyriums göttlich unterrichtet worden war. Eng verschränkt mit dieser Debatte sind die Interpretationen der Gründe, warum sich Ḥusain seinem politischen Kontrahenten widersetzt hat und in den Irak gereist ist. Beide Diskursstränge thematisieren dementsprechend die Deutung, wofür Imam Ḥusain gestorben ist, welcher Zweck seinem Martyrium zugeschrieben wurde. Darüber hinaus prägt die Opferbereitschaft der Märtyrer von Karbalāʾ den Diskurs als auch die auf Trauerriten basierende symbolische, auf jenseitige Rettung abzielende Unterstützung von Ḥusains Einsatz für die Religion durch nachfolgende Generationen. Das vierte Hauptthema bildet schließlich eine „Philosophie des Martyriums“, die nicht nur Verweise auf theologische Aspekte der frühislamischen Martyriumslehre umfasst, sondern ebenso abstraktere, zum Teil revolutionsideologisch beeinflusste Überlegungen.

 

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Bibliographische Angaben:

  • Beez, Mareike. 2015. "Der zwölferschiitische Martyriumsdiskurs im Iran des 19. und 20. Jahrhunderts", PhD dissertation,Freie Universität Berlin.